Schulalltag in Nsuta - Unterricht mit Huhn und Kokosnuss


das Schulgebäude
Anfang des Jahres haben wir noch selbst die Schulbank gedrückt und uns auf unser Abitur vorbereitet. Englisch und Mathe stehen bei uns inzwischen wieder auf der Tagesordnung – mit dem Unterschied, dass wir nun lehren statt lernen. Als Teil des Kollegiums haben wir uns in den letzten zweieinhalb Monaten in den Schulalltag eingefunden, der einige Eigenarten und Überraschungen für uns bereithielt. Von diesen und unserem Arbeitsalltag in Nsuta möchten wir nun berichten…

6:30 Uhr – Frühstückszeit. Eine Uhrzeit, die uns in Deutschland gewiss schwerer gefallen ist, denn wegen des frühen Einbruchs der Dunkelheit gegen 18:00 verschiebt sich hier der gesamte Tagesablauf nach vorne. Wer früh ins Bett geht, kann auch früh aufstehen ;) Und so starten wir alle gemeinsam beim Frühstück in den Tag, bevor wir (Eva und Lea) gegen 7:00 Uhr unsere Taschen schnappen und das Haus verlassen. Zu Fuß machen wir uns auf den ca. 15-minütigen Schulweg, der uns mitten durch Nsuta führt. Während wir mal diesen mal jenen Pfad zwischen den Palmen und Häusern des Dorfes einschlagen, ist das Grüßen fester Bestandteil unseres Weges. Obwohl wir meist bei „Good Morning!“ bleiben, trauen manche uns auch ganze Sätze auf Ewe, einer der lokalen Sprachen, zu, für die wir bisher nur teilweise die richtige Antwort kennen. Doch wenn dies der Fall ist, dann ernten wir immer ein breites Lächeln. An der Nsuta D/A JHS – wie die Schule offiziell heißt – angekommen, begrüßen wir die Lehrer, fragen, wie es geht und führen den üblichen Handschlag aus, dessen Schnipsen mit uns nur manchmal klappt. Anders als die Lehrer brauchen wir uns nicht ins Attendance Book eintragen, das ihre Anwesenheit und Arbeitszeit erfasst. Doch viel Zeit zum Unterhalten bleibt trotzdem nicht, denn pünktlich um 7:20 greift ein Schüler zu der Klingel. “Assemble, please!” Geordnet nach Form 1 bis 3, den drei Jahrgangsstufen der Schule, stellen die Schüler sich in Zweier-Reihen zur Assembly auf. Eine Schülerin oder ein Schüler steht allen anderen gegenüber und leitet durch die Assembly. Es wird gebetet, die Schüler sprechen das National Pledge und singen einige Lieder, u.a. die Nationalhymne. Vier Schüler begleiten den Gesang mit einer Pauke und Trommeln. Anschließend haben die Lehrer und der Schulleiter Gelegenheit, über Aktuelles zu informieren und Absprachen mit den Schülern zu treffen. Häufig wird an das Mitbringen der Schulgebühren erinnert oder mit Nachdruck die Bedeutung von fleißigem Lernen, Bemühen im Unterricht und der Hausaufgaben unterstrichen. Zum Schluss marschieren die Schülerinnen und Schüler in ihre Klassenräume – der Unterricht kann losgehen!

Am Anfang des Schuljahres wurden uns drei Schüler und eine Schülerin aus der Form 1 (mehr zum Schulsystem findest du im letzten Blogpost) im Alter von 12-14 Jahren zugewiesen, die wir seitdem unterrichten. Die vier wurden zwar von der Grundschule auf die Junior High School versetzt, haben jedoch erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Da dies jedoch die Grundlage ist, um in allen Fächern dem Unterricht zu folgen, verbringen sie dieses Schuljahr mit uns. Unser Ziel ist es, die Grundlagen in Englisch und Mathe zu wiederholen, Versäumtes aufzuholen und es ihnen so zu ermöglichen, ab nächstem Jahr wieder in der regulären Klasse mitzuhalten. Also ab in den Unterricht! Auf unserem Stundenplan stehen in der Woche 4 Stunden Reading, 4 Stunden Grammar, 3 Stunden Writing und 3 Stunden Maths, wobei eine Unterrichtsstunde jeweils 70 Minuten umfasst. Zusätzlich bleiben die Schüler für den Ghanaian Language-Unterricht weiter in der Form 1. Ewe und Twi können wir schließlich nicht unterrichten ;)

Die Unterrichtstunde beginnt meist mit dem Stempel-Verteilen für jede erfolgreich bearbeitete Hausaufgabe. Hat ein Schüler 10 Stempel auf dem Plakat an der Wand gesammelt, gibt es für seinen Fleiß Gummibärchen oder einen Stift als Belohnung. Weiter geht es dann jeden Tag ganz unterschiedlich… In den letzten 12 Wochen, die wir nun unterrichten, haben wir so einiges ausprobiert und uns nun in eine gute Unterrichtroutine eingefunden, die weiterhin Platz für Neues lässt. Lernspiele kommen immer gut an: das klassische Activity, ein Vokabelduell an der Tafel oder ein Laufdiktat. Auch Memory ist vielseitig einsetzbar, sei es zum Zuordnen von Vokabeln zu Bildern, von Singular zu Plural Formen oder von Verbformen in verschiedenen Zeiten. Bisher funktioniert es gut, alle vier zusammen als Gruppe zu unterrichten, weil ihr Wissensstand sich ähnelt. Zu zweit bleibt dabei trotzdem Zeit, individuell auf die Schüler und ihre Fragen und Schwierigkeiten einzugehen.

Und was lernen eure Schüler so? - In unserer Writing Class sind Vokabel natürlich unerlässlich: Monate, Wochentage, Farben, Körperteile, Kleidungstücke, Tiere, Nahrungsmittel und die Familie. Zum Einstieg ins Textschreiben hat sich das Prinzip der Mindmap für neue Wörter als Methode bewährt. In der Grammar Class geht kein Weg an Tafelbildern und Aufgaben vorbei und alles dreht sich um die verschiedenen Zeitformen und Wortarten der Nomen, Verben und Adjektiven. Wie bildet man den Plural? Welche Zeitform beschreibt die Vergangenheit? Wie steigere ich ein Adjektiv und formuliere einen Vergleich? Die Reading Class widmet sich – wer hätte es gedacht – dem Lesen. Zunächst haben unsere Schüler die Klänge aller Konsonanten, der Vokale und wichtiger Buchstabenkombinationen gelernt. Damit lassen sich die meisten Wörter zusammensetzen – wenn es nur nicht so viele Ausnahmen im Englischen gäbe… Obwohl das Lesen Lernen in einer Fremdsprache wirklich eine Herausforderung ist, freuen sie sich immer auf die Bücherei, wo sie verschiedene Storybooks und Sachbücher durchstöbern können. Im Matheunterricht haben wir uns bisher mit dem schriftlichen Rechnen in allen vier Grundrechenarten, dem kleinen Einmaleins, positiven und negativen Zahlen, den dazu gehörigen Rechenregeln, den Zahlenstrahl und einfachen Sachtextaufgaben beschäftigt. Auch beim Einmaleins kommen die Stempel zum Einsatz. Ihr Stempelbuch gibt ihnen einen Überblick und verspricht wieder Süßigkeiten oder Stifte.

Bis wir jeden Schüler genau einschätzen konnten, brauchte es etwas Zeit, doch umso mehr freuen wir uns über jeden kleinen Fortschritt – sei es ein endlich richtig gelesenes Wort, eine einwandfrei aufgesagte Einmaleins-Reihe oder ein richtig ausgefüllter Lückentext. Der Fortschritt ist auch gut an der inzwischen bunten Wand hinten in unserem Klassenraum zu erkennen. Für jedes neu gelernte Vokabelfeld, jede Grammatikregel oder jeden Lese-Tipp erweitern wir die Wand um ein Plakat, das den Schülern als Übersicht und Gedächtnisstütze dient und ihnen den Fortschritt vor Augen hält. Neben der ganzen inhaltlichen Arbeit kommen auch der Spaß und der Austausch nicht zu kurz. Unsere Schüler fragen gerne nach Deutschland und wir freuen uns von ihnen mehr über das ghanaische Leben zu erfahren. 
die bunte Wand unserer Klasse wächst weiter und weiter...
In der Pause laufen die Schüler draußen herum, kaufen sich einen Wasserbeutel aus der Box vor den Klassenräumen oder gehen zu den einige Meter entfernten Essensständen. Dort gibt es neben kleinen Snacks auch warme Mahlzeiten, wie Reis, Kenkey (gesäuerter Maisball mit scharfer Soße und Fisch) oder Redred (Bohnen mit frittierten Kochbananen). Wir steuern das „Lehrerzimmer“ an, was de facto nur ein Tisch vor den Klassenräumen ist. Doch dort treffen wir immer auf jemanden aus dem Kollegium, das sechs Lehrer, vier Mentees (Referendare) und den Schulleiter umfasst. Schnell kommen wir ins Gespräch, können Fragen stellen oder Probleme ansprechen. Zweimal die Woche ist dazu auch beim morgendlichen Staff Meeting Gelegenheit. So unterhalten wir uns in der Pause gerne über die Unterschiede zwischen Ghana und Deutschland und ab und zu ergibt sich die Gelegenheit, unsere Ewe-Fähigkeiten zu erweitern. Der Ewe-Lehrer, der dank der letzten Generationen schon über einen beachtlichen Deutsch-Wortschatz verfügt, hilft uns da gerne weiter.

Zurück in der Klasse hüpfen plötzlich lauter Hühner durchs Klassenzimmer – wo gibt’s denn sowas? Schnell sind sie aber wieder verscheucht und der Unterricht kann weitergehen… Tatsächlich gibt es aber noch so einiges Weiteres, dem man im deutschen Schulalltag nicht begegnen würde. Zum Beispiel dient, seit unser Schwamm verschwunden ist, ein Stück Kokosnuss-Schale als Ersatz. Womit wir auch nicht gerechnet hätten, war eine Gelbfieber-Impfkampagne. Eine Woche lang wurden an verschiedenen Orten, Impfungen verteilt – so auch an unserer Schule. Alle Schüler und einige Lehrer standen Schlange, haben ihre Angst vor der Nadel überwunden und der Impfpass bescheinigt ihnen nun das Wichtigste: den lebenslangen Schutz gegen Gelbfieber. Ebenfalls erst ungewohnt, ist es uns inzwischen vertraut, von allen Schülern mit „Madame“ angesprochen zu werden und von ihnen angeboten zu bekommen, den Stuhl für uns zu tragen. Dies ist ein zudem kleines Beispiel für die Verantwortung, die die Schüler im Schulleben übernehmen. Neben den Ämtern der class and school prefects (vergleichbar mit Klassen- und Schulsprecher) übernehmen alle Schüler verschiedene Aufgaben. Einige Schüler holen morgens Wasser aus dem Dorf, ein anderer trägt die Verantwortung fürs pünktliche Klingeln zum Unterrichts- und Pausenbeginn. Außerdem ist es nicht unüblich, dass die Schüler zum Essenholen oder für kleine Botengänge von einem der Lehrer losgeschickt werden. Unabhängig von ihren Klassen ist die Schülerschaft in drei sections unterteilt, die für unterschiedlichen Bereiche des Schulgeländes zuständig sind und dort fegen oder weeden, das Gras kürzen. Es wird Wert daraufgelegt, dass die Schüler mit kurz geschorenen Haaren und ordentlicher Schuluniform zur Schule kommen. Legen die Schüler die gelb-braunen Schuluniformen, zum Beispiel beim Sport am Nachmittag mal ab, erscheinen sie uns gleich ein Stück weniger vertraut. Auch wir haben inzwischen eine „Schuluniform“, die wir aber nicht jeden, sondern in Absprache mit den anderen Lehrern alle gemeinsam an manchen Tagen tragen. 
unsere Schulkleider im Kente-Muster
Jeden Mittwochmorgen steht eine besondere Stunde auf dem Plan: Worship. Dies bedeutet wörtlich übersetzt „Verehrung“ und meint, dass alle Schüler – ganz gleich, welcher Kirche sie angehören – zusammen Gott preisen. Sie versammeln sich im Klassenraum der Form 2, es werden einige zusätzliche Bänke hereingetragen und die Trommeln werden herangeschafft. Einige Schülerinnen stehen vorne an der Tafel und stimmen die Lieder an. Gesang und Trommelklänge erfüllen den Raum und alle tanzen und klatschen. Dann wird gemeinsam gebetet. Ebenfalls von den Schülerinnen geleitet murmeln alle vor sich hin. Dann hält einer der Lehrer oder Mentees eine Ansprache oder legt einen Bibelvers aus. Außerdem wird während des Singen und Tanzens eine Kollekte gesammelt, wobei wieder nach den sections unterschieden wird. Anschließend hält Joseph, der Sozialarbeiter, eine Stunde unter dem Namen „Career Guidance and Educational Counselling“, was wir „Berufsorientierung“ nennen würden. Er erklärt den Schülern das ghanaische Bildungssystem, verschiedene Karrierewege und berät sie so für ihre Zukunft.

die Schüler beim Worship
Es ist 14:00 und der Schüler greift wieder zur Klingel. „Closing, please!“ Und so stellen sich alle Schüler erneut auf, um gemeinsam den Schultag zu beenden. Auch wir machen uns mit einem Gruß auf den Nachhauseweg. „Miagadogo - see you tomorrow!“

Kommentare

  1. Dear Madames,
    da heißt es immer "dummes Huhn" - aber die will ja auch keiner in der Klasse haben...
    Sind eigentlich die Kleider Eure "Schuluniform"?

    Alles gute und bis zum nächsten blog!
    Uli

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